"Wadans Welt"

Wismar, 120 km östlich von Hamburg, 45.000 Einwohner, das Einkommen jeder dritten Familie hängt von der Wadan Werft, dem einzigen Großbetrieb in der Region ab. Im August 2008 übernimmt ein russischer Investor den Traditionsbetrieb, die Zukunft der Werft scheint gesichert. Kurz danach trifft die Finanz- und Wirtschaftskrise, irgendwo im fernen Amerika begonnen, die alte Hansestadt mitten ins Herz, 5.000 Arbeitsplätze sind bedroht.
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

 Wir begleiten eine Gruppe von Schweißern durch die turbulenten Monate und erfahren ganz unmittelbar, dass der Verlust des Arbeitsplatzes viel mehr bedeutet als Einkommensverlust. „Zum Schiffbauer musst man geboren sein“, sagt einer der Protagonisten und trifft das, was in der Region seit Jahrzehnten gilt: Schiffbauer ist ein stolzer Beruf, der oft über Generationen weiter gegeben wird, er hat mit Würde und Qualität zu tun und prägt die Identität der ganzen Küstenregion.Wir begleiten die Arbeiter, die Eigner und den Insolvenzverwalter beim Ringen um den Erhalt der Werft, erleben deren Auf und Ab zwischen Ohnmacht, Wut, Trauer und Hoffnung. 18 Monate Drehzeit, 120 Stunden Material, in denen die persönlichen Erschütterungen einer für viele abstrakt gebliebenen Krise erlebbar werden. Die Wadan-Werft geht unter und wird mit neuem Besitzer und Namen wieder aufgemacht. Einige unserer Protagonisten kommen zurück in ihren Betrieb, allerdings zu deutlich schlechteren Bedingungen. Wir waren bei der letzten Schicht vor der Insolvenz dabei und bei der ersten nach dem Neubeginn.Der Film geht dem nach, was diese Krise hinterlässt. Der Verlust trifft das Wertgefüge, teilt Menschen in scheinbar Überlegene und Verlierer, in Menschen mit Arbeit und in Menschen ohne Arbeit. „Alles ist anders“, sagt einer von ihnen und meint das Gefühl in seiner Brust.

DER REGISSEUR ZUR ENTSTEHUNG DES FILMS
15. Oktober 2008, Wadan-Werft Wismar. Ich stehe im Pausenraum der Truppe des Vorarbeiters Christian Schröder. An abgewetzten Resopal-Tischen sitzen 35 Schweißer vor mir. Die meisten haben 25 und mehr Jahre Schiffbau auf dem Buckel. Vor ihnen liegen Bild-Zeitungen, die das Horror-Szenario der jüngst ausgebrochenen Bankenkrise ausmalen. Die Bude riecht nach Schweiß, Abgasen und Kaffee. Mir ist gerade das seit 3 Jahren vorbereitete Konzept meines Films geplatzt, das da meinte, den Bau der weltgrößten Fähre zu verfolgen und so einen Einblick in die faszinierende Welt des Schiffbaus des 21. Jahrhunderts zu geben.

Jetzt, zwei Monate nach Übernahme der Werft durch den russischen Oligarchen Burlakow, steht die Werft kurz vor dem Aus. Die Finanzierung etlicher sicher geglaubter Aufträge ist geplatzt. Die Arbeiter verstehen die Welt nicht mehr. Eine der modernsten Werften Europas steht kurz vor der Insolvenz, weil irgendwo in Amerika Banker sich verzockt haben. Die Bundeskanzlerin hat gerade die Spareinlagen für sicher erklärt, doch die Schweißer diskutieren, ob nicht wie 1929 die Weltwirtschaft zusammenbricht. In dieser Situation trage ich den Schweißern mein Anliegen vor, gemeinsam mit ihnen die kommenden Ereignisse auf der Werft zu dokumentieren, quasi die Krise aus der Sicht ihrer Truppe von unten zu verfolgen, egal wie es ausgeht. Die Arbeiter spüren wohl meine Aufregung. Ich verspreche ihnen einen ehrlichen Film. Nach kurzer, heftiger Debatte stimmen sie zu. Der dicke Krischan wird zum Filmverantwortlichen gemacht. Am nächsten Morgen gehen wir mit ihm um 05.30 Uhr zur ersten Schicht, in einen Betrieb, der in den nächsten 6 Monaten langsam sterben und dann plötzlich wieder auferstehen wird.

130 Stunden Material sind in 18 Monaten zusammen gekommen. Was wir erlebt und erfahren haben, ist nicht nur die Geschichte der realen Krise aus der Sicht von unten. Im Spiegel der Ereignisse offenbarten sich andere, ganz wesentliche Dinge. Schiffbau ist eine langwierige, träge Industrie. Sie setzt Erfahrung und Tradition voraus und mehr als vielleicht in anderen Branchen bedarf sie aufgrund des komplexen Produktionsprozesses eines eingespielten, sich selbst regulierenden Teams. Qualität und Termintreue erwirkt man hier nicht durch Druck sondern eher durch angemessene Bezahlung und Identifikation mit dem Beruf und dem Betrieb. Viele unserer Protagonisten sind Schiffbauer in zweiter oder dritter Generation. Berufsstolz und Qualitätsanspruch werden so von den Vätern an die Söhne weiter gegeben. Das hat sich auch nach der Wende und trotz mehrfachen Besitzerwechsels erstaunlicherweise erhalten. Christian Schröder bringt es im Film auf den Punkt: „Eigentlich ist mir egal, wem der Laden gehört. Ich bin verantwortlich für die Schweißerei auf der Dockkante und ich will hier morgens um Sechs zur Schicht kommen.“ Und später: „Termine sind ein Gesetz, solange ich auf der Werft bin, haben wir noch nie einen Stapellauf oder eine Auslieferung verschoben.“ Selbst, wenn diese in die Kamera gesprochene Äußerung nicht ganz der Historie standhielte, beweist sie doch eines: Fernab jeglichen Aktienbesitzes betrachtet hier ein Arbeiter den Betrieb als den seinen und formuliert ein selbstbewusstes Credo seines Berufes. 
Vor 30 Jahre im Osten hätte man solche Leute zu Helden erklärt, heute wird ernsthaft darüber nachgedacht, ob und wie man sie durch Zeit- oder Leiharbeiter ersetzen kann. Welch ein Irrtum, welch ein Wahnsinn! 
Während der Filmarbeit haben wir den Schiffbau als eine faszinierende Welt mit gigantischer, stählerner Kulisse erlebt, mit Menschen, die immer noch einem Knochenjob nachgehen, darauf stolz sind und Großartiges leisten. Mag sein, dass all das im Weltenlauf irgendwann nicht mehr zählt, dass das Kapital billigere Schiffbaustandorte ausmacht und einen endgültigen Strukturwandel in Wismar und ganz Europa erzwingt. Menschliche Größe stellt es allemal dar und vielleicht dämmert es auch Deutschlands Wirtschaftsbossen erneut, dass Wertarbeit mit dem Wert und der Würde des Arbeiters zusammen hängen.

Daten und Fakten:

Länge
ca. 55 und 100 Minuten.

Dokumentarfilm von Dieter Schumann